Tracking Emerging Markets Latin Amerika und, was bedeutet der Sieg von Lula da Silva für Brasilien!

10.11.2022 um 08:47 Uhr

Liebe Leser,

Anfang 2022 richteten wir unseren Blick Richtung Lateinamerika. Im Vordergrund stand dabei die Annahme, dass Aktien lateinamerikanischer Unternehmen vor dem Hintergrund globaler geopolitischen Spannungen und der angelaufenen Verschiebung von Märken zu einem seltenen Zufluchtsort für das international Kapital geworden sind. Als primären Treiber identifizierten wird den psychologischen Aspekt und explizit den Wunsch die Risiken für das eigene Geld zu minimieren. Gleichzeitig bat der lateinamerikanische Markt auch eine hervorragende Möglichkeit von steigenden Rohstoffpreisen zu profitieren. Kombiniert mit einer relativ günstigen Bewertung von lateinamerikanischen Konzernen ergab diese Region seit Ende 2021 einen fast schon perfekten Zufluchtsort. Doch nun mit dem Wahlsieg von Lula da Silva in Brasilien kommt eine politische Komponente dazu, die man unbedingt berücksichtigen muss.

Der neue Präsident ist im Gegensatz zu seinem rechtspopulistischen Vorgänger Jair Bolsonaro ein Sozialdemokrat. Und selbstverständlich will er wie jeder Sozialdemokrat das Land nicht nur im eine klimaneutrale, sondern auch in eine gerechte wirtschaftliche und soziale Zukunft führen. Ähnlich wie Joe Biden in den USA will der ambitionierte Lula da Silva Brasilien - das größte Land Lateinamerikas zu einem Vorreiter des Umweltschutzes machen. Gleichzeitig will er eine wirtschaftliche Umorientierung anstoßen, was sowohl einige Risiken als auch Chancen mit sich bringt.

Was die Investoren angeht, so sehen sie generell fast jeden linken politischen Wahlsieg in Emerging Markets eher als ein großes Risiko. Doch im Fall von Brasilien und explizit Lula da Silvas Comeback (Lula da Silva war bereits seit 2003 bis 2011 Präsident von Brasilien) sieht die Tendenz eher anders aus. Ob diese anfängliche positive Stimmung von Dauer sein wird, lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht prognostizieren, dennoch darf man sie nicht ignorieren. Dies saß man auch an dem Verlauf des börsengehandelte Fonds iShares MSCI Brazil (Ticker: EWZ). Dieser stieg in den letzten Sitzungen um 5 %, nachdem Lula den amtierenden Präsidenten Jair Bolsonaro in einer Stichwahl am 30. Oktober besiegt hatte. Und dies passierte genau in der Zeit, als der S&P 500 Index in diesem Zeitraum um 4 % einbrach. Seit Jahresbeginn ist EWZ bereits um rund 20 % gestiegen, was wir aber auch schon oft thematisiert haben.



Stocks 2 Watch: Lat.Am.



https://viz.traderfox.com/peer-group-tabelle/US91912E1055/DI/vale-sa-spons-adrs/aktien-67225-67590-67742-416394-61683-67549-67984-67206-62197-20322245-61420-63328

Was die brasilianische Wirtschaft explizit angeht, so hat sie sich in diesem Jahr den zahlreichen Turbulenzen insgesamt gut getrotzt und ist in dieser schwierigen Zeit sogar um +3 % gewachsen und das, obwohl die Zentralbank eine harte Politik zur Bekämpfung der Inflation führt. Am meisten konnte man, wie schon oft angesprochen, von steigenden Rohstoffeinnahmen und einer signifikanten Kapitalverlagerung profitieren. Doch mit dem politischen Machtwechsel könnte sich diese Entwicklung im kommenden Jahr verändern, besonders dann, wenn Lula da Silva damit anfangen wird, seine ambitionierten sozialen Programme umzusetzen.

Die Gewinne der staatlich kontrollierten Ölgesellschaft Petróleo Brasileiro (PBR), die rund 14 % des brasilianischen Index ausmacht, scheinen besonders anfällig zu sein, da Lula bspw. eine soziale Politik der Oberbegrenzung der Kraftstoffpreise starten könnte. Dies dürfte ihm zumindest eine politische Sicherheit und soziale Anerkennung bringen, würde jedoch in eine Gewinnminderung münden. Und so ist es kein Wunder, dass die Aktie von PBR seit seinem Wahlsieg in eine Korrekturbewegung überging.



Auf der anderen Seite sieht aber eine linke sozialdemokratische Politik vor, dass die Brasilianer mit niedrigem Einkommen schon bald mehr Kaufkraft bekommen werden, wenn der Präsident damit anfängt, seine Wahlversprechen zu verwirklichen. Lula wird wahrscheinlich darum kämpfen, Bolsonaros Transferprogramme (Hilfen für Brasiliens Arme) aufrechtzuerhalten und sie mit Mindestlohnerhöhungen und anderen Instrumenten zu ergänzen. Und an dieser Stelle könnte sich für Brasilien-orientierte Anleger tatsächlich eine Chance entstehen. Stichwort lautet in diesem Fall - Konsumaufschwung. Und so sollte man als rationaler Anleger nun brasilianische Konsum/Verbraucher-Stocks auf die Watchlist setzen.

Dazu gehört bspw. Aktie von Arcos Dorados (ARCO). Der Konzern ist als Franchisenehmer von McDonald's Restaurants tätig. Das Unternehmen hat das exklusive Recht, McDonald's Restaurants in 20 Ländern und Gebieten Lateinamerikas und der Karibik zu besitzen, zu betreiben und das Netz zu vergrößern, darunter Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Mexiko etc. Zum 31. Dezember 2021 betrieb oder konzessionierte es 2.261 Restaurants. Doch in den Plänen des Unternehmens ist die Eröffnung von rund 1.000 neuen Restaurants in Brasilien. In Kombination mit der Annahme über eine in 2023+ auflebende Konsumfreude ergibt dies eine sehr interessante Wachstumsperspektive auch unter einer sozialdemokratischen Regierung in Brasilien.





Der Watchlist-Kandidat Nummer zwei ist die Aktie des im vergangenen Jahr stark gehypten Online-Finanzdienstleisters Nu Holdings (NU), der seit dem Börsengang im vergangenen Dezember die Hälfte seines Wertes verloren hat. An dieser Stelle muss man immer im Hintergrund beachten, dass rund 30 % der Brasilianer, die kein Bankkonto haben, NuHolding potenzielle Kunden sind. Grund dafür ist das Digitale Zeitalter und die Tatsache, dass NuHoldings u.a. sehr gute Angebote für sozialschwache Schicht bietet. Und so wäre es möglich, dass der Konzern zunächst sein dynamisches Wachstum im Sinne der Nutzer weiter fortsetzen wird. Sollte später auch die Konsumfreude dazu kommen, so wäre NuHoldings mittlerweile schon sehr gut positioniert, um von der Nutzermasse zu profitieren.

Das Unternehmen ist grob gesagt eine digitale Bank. Dabei ist der Konzern als digitales Finanzdienstleistungsunternehmen vor allem in Brasilien, Mexiko und Kolumbien tätig. Es bietet Nu Kredit- und Debitkarten an. Mobile Zahlungslösungen für NuAccount-Kunden, um Überweisungen zu tätigen und zu empfangen, Rechnungen zu bezahlen und alltägliche Einkäufe über ihre Mobiltelefone zu tätigen, gehören ebenfalls zu seinem Lösungsangebot. Darüber hinaus bietet man NuInvest an, - ein Anlageprodukt, das Aktien-, Options- und ETF-Produkte sowie Multimarket-Fonds mit kuratierten Vermögensallokationen basierend auf dem Risikoprofil und der Finanzlage des Kunden umfasst. Angepeilt wird hier der Trend rund um die Digitalisierung in Lateinamerika, wo die Penetration erst jetzt beginnt. Aufblühen dürfte das Geschäft v.a. in der Post-Rezession-Zeit, sobald die Wirtschaft in eine Erholungs- und später Wachstumsphase übergeht und die Konsumfreude zurückkehrt.



Anzumerken bleibt jedoch, dass all diese Unternehmen jedoch Nischenspiele in einem Markt sind, der von Petrobras (PBR), dem Metallriesen Vale (VALE) und den beiden Top-Banken Itau Unibanco Holding (ITUB) und Banco Bradesco (BBD) dominiert wird. Diese sind eine tatsächliche Macht und dürfen wirklich nie auf der Watchlist fehlen, zumal einige von Ihnen wie z. b. Vale schon bald eine Rebound-Bewegung versuchen könnten.

Vale ist ja eines der größten Metall- und Bergbauunternehmen der Welt und ist speziell als Produzent von Eisenerz und Nickel tätig. Außerdem produziert das Unternehmen Eisenerzpellets, Manganerz, Ferrolegierungen, metallurgische und thermische Kohle, Kupfer, Platingruppenmetalle (PGM), Gold, Silber und Kobalt. Und aktuell sehen wir bspw., dass sich Kupferpreis in den vergangenen Tagen um 8 % erhöhte. Grund dafür waren die aufgekommenen Spekulationen über eine mögliche Lockerung der Null-Toleranz-Politik für das Coronavirus in China. Dazu kommt die Tatsache, dass die Kupfer-Vorräte sich weiter dynamisch verringern, wobei die Green-Energy- und Elektromobilität-Trend-Nachfrage nach Kupfer weiterhin steigt. Vale hat sich in diesem Sinne als traditioneller Produzent etabliert und verfügt über gute Aussichten bei Nickel und Kupfer, die zum globalen Umstieg auf Elektromobilität in sehr großen Mengen benötigt werden.

Operativ technisch macht das Unternehmen rund 82 % der Umsätze mit Eisenerz und anderen Eisenprodukten. Die EBITDA-Marge in diesen Segmenten liegt bei etwa 68-69 %. Auf Nickel entfallen rund 10 % der Umsätze (EBITDA-Marge rund 30 %), wobei Kupfer 5 % bzw. der Umsätze bei einer EBITDA-Marge von 62,5 % beisteuern. Geografisch betrachtet erwirtschaftete man bis zuletzt etwa 70 % der Umsätze in Asien (darunter 52,5 % in China und rund 8,3 % in Japan), 12 % in Europa und rund 11,2 % bzw. 3,2 % in Süd- und Nordamerika, was sich angesichts der angelaufenen Güterstromverschiebung schon bald ändern könnte. Die restlichen 3,6 % entfallen dann auf die restlichen Länder der Welt.



Schließlich ist es die Aktie von Itau Unibanco (ITUB), die wir heute uns etwas genauer anschauen werden. Dies ist die größte Bank in Privatbesitz in Brasilien, die aus der Fusion von Banco Itaú und Unibanco im Jahr 2008 hervorgegangen ist. Neben Brasilien hat die Bank bedeutende Niederlassungen in Chile, Kolumbien, Argentinien, Uruguay und Paraguay. Die Experten von Goldman Sachs haben Ende September die Aktie nun von Neutral auf Buy hochgestuft und das Kursziel von 5,40 USD auf 7,00 USD angepasst. Der Analyst verwies weiterhin ein gutes CRV bei den brasilianischen Banken und verwies auf das "immer noch gesunde" Makroumfeld und eine bessere Sichtbarkeit von Branchentrends. Brasilien habe ein besser als erwartetes BIP-Wachstum, Disinflation und einen wahrscheinlich hohen und stabilen Selic (=kurzfristiger Leitzins der brasilianischen Notenbank) gezeigt, so der Experte. Ihm gefällt die "überlegene" Rentabilität, die diversifizierte Geschäftstätigkeit und die "widerstandsfähige" Vermögensqualität von Itau.

Die Aktie sieht zu diesem Zeitpunkt aufgrund der starken Charttechnik nicht mehr so interessant aus, dennoch sollte man den Wert auf der Watchlist behalten und eine jede signifikante Korrektur, wenn diese keiner fundamentalen Neu-Bewertung entsprungen ist, eher als eine sehr lukrative Einstiegschance zu betrachten. Global betrachtet, ist es eine typische Banken-Story, die einer globalen Wirtschaftsstabilisierung, der frischen Konsumfreunde und des Auflebens des Kreditgeschäfts bedarf. Erst dann wird den Konzern seine volle Stärke entfalten können, was letztendlich auch in steigende Kurse münden dürfte.




Abschließend lässt sich erwähnen, dass Lateinamerika auch außerhalb von Brasilien andere interessante Alternativen für risikofreudige Investoren bietet. Konservativ und v.a. langfristig betrachtet, sollte man sich jedoch auf Top-Picks wie VALE (VALE), Itau (ITUB) mit sehr günstigen Bewertungen und später Mercado Libre MELI und NuHoidings (NU) (deutlich spekulativer und v. d. Hintergrund einer bald kommenden Konsumfreude) fokussieren.




Was explizit Brasilien angeht, so gilt es hier,- zunächst mit großer Vorsicht zu agieren und abwarten, wie die tatsächliche Politik des neuen Präsidenten da Silva aussehen wird. Risikoscheue Inverstoren sollten daher schon jetzt über eine mögliche Gewinnmitnahme nachdenken.

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