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OTS: Börsen-Zeitung / Im Realitäts-Check, Marktkommentar von Christopher Kalbhenn

20.11.2020 um 20:31 Uhr

Im Realitäts-Check, Marktkommentar von Christopher Kalbhenn
Frankfurt (ots) - Mit großer Zuversicht blicken Marktteilnehmer auf das kommende
Jahr. Denn mit den Erfolgen in der Erprobung von Corona-Impfstoffen, die einen
Schutz von rund 95 Prozent gezeigt haben, kann nun als sicher angenommen werden,
dass die Pandemie überwunden wird und damit auch die Rückkehr zur Normalität
2021 beginnen wird. Den Dax hat die Impfstoffhoffnung, nachdem zuvor auch
Unsicherheit über den Ausgang der US-Präsidentschaftswahl weggefallen war,
ausgehend von rund 12500 Zählern zu einem Schub von bis zu rund 700 Punkten
verholfen, so dass er wieder Höhen oberhalb der Marke von 13000 Zählern erreicht
hat.

Wenig verwunderlich haben vor allem Aktien besonders hart von der Pandemie und
den dadurch ausgelösten Restriktionen betroffener Branchen positiv reagiert. So
etwa die Aktien von auf Einzelhandelsimmobilien fokussierten Unternehmen wie
Deutsche Euroshop, die nach der Erfolgsmeldung von Biontech und Pfizer um rund
50 Prozent zugelegt hat. Und die seit langem underperformenden zyklischen bzw.
Value-Aktien haben auf die Überholspur gewechselt.

Extreme Zuversicht

Es gibt jedoch ein paar Schönheitsfehler, die das Bild ein wenig trüben. So hat
die Zuversicht der Marktteilnehmer in den zurückliegenden Wochen Ausmaße
angenommen, die jetzt die Frage aufwerfen, wo noch mehr Aufwärtspotenzial
herkommen kann, und auch Warnsignale für die nächste Zeit geben. So hat die
jüngste globale Fondsumfrage von Bank of America (BoA) gezeigt, dass die
Fondsmanager die Aussichten für die Weltwirtschaft so zuversichtlich einschätzen
wie seit dem Jahr 2002 nicht mehr. Sie haben umfangreiche Umschichtungen in
Aktien getätigt, so dass der Anteil der in Dividendenwerten übergewichteten
Fonds das höchste Niveau seit Januar 2018 erreicht hat. Der Durchschnitt der von
den Umfrageteilnehmern angegebenen Kassaquoten sank im Vormonatsvergleich von
4,4 Prozent auf 4,1 Prozent. Ein Wert unterhalb von 4 Prozent würde ein
Verkaufssignal generieren. Das US-Institut hat europäische Aktien daher auch auf
"Neutral" zurückgestuft und hält eine Korrektur in einer Größenordnung von 10
Prozent für möglich.

Die Marktteilnehmer haben die sich abzeichnende Überwindung der Pandemie bereits
ein gutes Stück weit vorweggenommen. Sie sehen Licht am Ende des Tunnels. Leider
ist das Ende des Tunnels aber in weiter Ferne, und das Licht droht in nächster
Zeit wieder zu erlöschen. Anders ausgedrückt: In den kommenden Wochen müssen die
Marktteilnehmer durch einen harten Realitätscheck. Zum Start der kalten
Jahreszeit breitet sich das Coronavirus in Europa und mehr noch in den USA, wo
zuletzt mehr als 2000 Menschen an einem Tag an Covid-19 gestorben sind, in einem
sehr beunruhigendem Ausmaß aus. Die Folge sind immer mehr Restriktionen und eine
stetig steigende Wahrscheinlichkeit eines erneuten harten Lockdown. Nach der
sehr starken Erholung der Konjunktur und der Unternehmensgewinne im dritten
Quartal droht ein empfindlicher Rückschlag. Realität ist derzeit nicht die
Überwindung der Krise durch einen Impfstoff, sondern eine Verschlimmerung der
Pandemie.

Das ist eine schlechte Nachricht für ebenjene Unternehmen, die besonders stark
unter Corona leiden, wie etwa Deutsche Euroshop. Selbst ohne Ladenschließungen
droht das für den Einzelhandel so wichtige Weihnachtsgeschäft erheblich zu
leiden, weil Menschen wegen wirtschaftlicher Risiken ihre Ausgaben zurückfahren
und/oder aus Angst vor Infektion dem Online-Handel den Vorzug geben. Auch für
andere einschlägige betroffene Sektoren wie die Reise- und Freizeit- sowie die
Flugzeugbaubranche könnte die Lage in den kommenden Wochen noch prekärer werden.

Eine Korrektur wäre aber erneut nichts anderes als eine Einstiegsgelegenheit. In
absehbarer Zeit werden nicht nur die Impfungen beginnen, ab dem Frühjahr wird
außerdem das wieder wärmere Wetter das Virus eindämmen. Damit wird auch das
Vertrauen in die wirtschaftliche Erholung wieder gestärkt werden. Die
Notenbanken werden weiter mit Anleihekäufen stützend eingreifen und auch in
einer beginnenden wirtschaftlichen Erholung die Zinsen niedrig halten. Der
Mangel an Alternativen zu Aktien wird in diesem Umfeld erhalten bleiben. Nicht
zuletzt wird auch das Washingtoner Kasperletheater bald enden, so dass das
US-Fiskalpaket nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen dürfte, flankiert
von einem Präsidenten, der seine Zeit nicht auf dem Golfplatz verplempert,
sondern sich ernsthaft mit der Pandemie beschäftigt.

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