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15.04.2021 um 10:11 Uhr

APA ots news: Überwiegend gute Treffsicherheit der Stützungsmaßnahmen für die Haushaltseinkommen im Rahmen der COVID-19-Krise im Jahr 2020

Pressemitteilung des Büros des Fiskalrates

Wien (APA-ots) - Der makroökonomische Schock, der durch die
Lockdown-Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie ausgelöst
wurde, führte im Jahr 2020 zu einem Einbruch des BIPs. Dies führte
wiederum zu einem Rückgang der Selbstständigeneinkommen, zu
kurzfristig mehr als einer Million Arbeitnehmern in Kurzarbeit und
über 400.000 Arbeitslosen im Jahres-durchschnitt und damit zu
signifikanten Ein-nahmenverlusten der unselbstständig Erwerbstätigen.

Die Einkommensverluste der Haushalte im Jahr 2020 wurden durch die
gegensteuernden fiskalischen Maßnahmen sowie die automatischen
Stabilisatoren im Aggregat betrachtet kompensiert (Fussnote 1),
sodass das Wachstum der aggregierten verfügbaren Haushaltseinkommen -
ohne die volatilen (und sehr ungleich verteilten) Vermö-genseinkommen
- etwas über 3% betrug.

(Fussnote 1): Ausgeblendet wird hier vorläufig noch der sehr große
Effekt auf die Vermögenseinkommen und empfangene Bonuszahlungen (die
v. a. für das 5. Quintil relevant sind) sowie der Wegfall von
Überstunden und Trinkgeldern.

Allerdings waren die Unterschiede in der finanziellen Betroffenheit
der Haushalte groß. Eine Analyse der Verteilungswirkungen des
makroökonomischen Schocks und der Maßnahmen zur Stützung der
Haushaltseinkommen auf Basis des Mikrosimulationsmodells des Büros
des Fiskalrates (FISKSIM) ergibt in zweifacher Hinsicht eine gute
Treffsicherheit für die Mehrheit der COVID-bedingten
Transferzahlungen an die Haushalte: Niedrigere Einkommen haben, wie
von politischer Seite intendiert, relativ stärker profitiert; und
innerhalb der verschiedenen Einkommensgruppen profitierten jene
Haushalte stärker, die durch den COVID-Schock stärkere Verluste
erlitten hatten.

Die Ergebnisse der Simulation werden im Verhältnis zu hypothetischen
Haushaltseinkommen ohne COVID-Schock und nach Quintilen (von den
untersten zu den obersten 20%) der nach Haushaltsgröße gewichteten
Haushaltseinkommen (Haushaltsäquivalenzeinkommen) dargestellt. Die
analysierten Maßnahmen um-fassen direkte Transfers an Haushalte (u.
a. Familienbeihilfe, Härtefallfonds, Erhöhungen bei Arbeitslosengeld
und Notstandshilfe), das Vorziehen der Einkommensteuersenkung sowie
die Reform der Kurzarbeit im Jahr 2020 (Fussnote 2). Die Analyse geht
auf Susanne Maidorn (Büro des Fiskalrates) und Lukas Reiss (OeNB)
zurück und spiegelt weder die Meinung des Fiskalrates noch der OeNB
wider.

(Fussnote 2: Inklusive Kurzarbeit wird damit in etwa die Hälfte der
budgetsaldowirksamen COVID-19-Maßnahmen in Betracht gezogen; sonstige
Subventionen (v. a. Fixkostenzuschuss und Lockdown-Umsatzersatz)
sowie steuerliche Entlastungen für Unternehmen werden hingegen nicht
analysiert.)

Ohne fiskalische Maßnahmen hätte der COVID-19-Schock laut dieser
Simulation das durchschnittliche Haushaltseinkommen in allen
Quintilen um jeweils etwa 2% reduziert. Diese Reduktion ergibt sich
unter Beachtung der Wirkung der automati-schen Stabilisatoren
(Transferzahlungen im Falle von Arbeitslosigkeit, Kurzarbeitsgeld
ge-mäß Regelung vor der COVID-19-Pandemie und eine Reduktion der
Abgabenlast bei Einkommenseinbußen).

Innerhalb der Quintile gibt es jedoch große Unterschiede: Den
Einkommenseinbrüchen vieler Selbstständiger und von krisenbedingter
Arbeitslosigkeit betroffener Haushalte steht eine große Anzahl von
Haushalten gegenüber, deren Einkommen vom Pandemie-Schock nicht
direkt betroffen ist (Arbeitnehmer, die nicht von Kurzarbeit oder
COVID-bedingtem Jobver-lust betroffen waren und Pensionisten).
Insbesondere im untersten Quintil war der durch-schnittliche
prozentuelle Einkommensverlust etwas stärker als in den anderen
Quintilen, aber gleichzeitig der Anteil der von Verlusten betroffenen
Erwerbstätigen geringer; diese haben aber besonders starke Verluste
erlitten.

Durch die umfangreichen fiskalpolitischen Maßnahmen ist der
Net-toeffekt auf die Haushaltseinkommen in den unteren Quintilen
sogar positiv, nur im höchsten Quintil sind die Einkommen
vergleichsweise stärker zurückgegangen. Insgesamt wirkten die
diskretionären Maßnahmen sehr treffsicher: Haushalte mit niedrigeren
Einkommen profitierten relativ stärker; und vom COVID-Schock stärker
betroffene Haushalte erhielten im Verhältnis zu ihrem Einkommen
deutlich mehr Transfers als weniger betroffene Haushalte, und diese
erhielten wiederum mehr, als Haushalte, deren Einkommen durch den
Corona-Schock überhaupt nicht zurückgingen.

Die Treffsicherheit der Maßnahmen in Bezug auf die Einkommenshöhe
ergibt sich vor allem durch die Maßnahmen bei Arbeitslosengeld und
Notstandshilfe wegen ihres größeren Anteils am Haushaltseinkommen in
den unteren Quintilen. Zudem wirkten die Einmalzahlung der
Familienbeihilfe prozentuell für niedrigere Einkommen stärker und die
veränderten Ersatzraten des Kurzarbeitsentgelts waren für niedrigere
Einkommen höher. Die Einkommensteuersenkung hatte hingegen geringere
Effekte fürs unterste Einkommens-Quintil als für Haushalte mit
mittleren und höheren Einkommen, die von einer Absenkung des
Eingangssteuersatzes stärker profitieren.
Die Treffsicherheit in Bezug auf die Betroffen-heit von
Einkommensverlusten wird durch den Unterschied der Effekte deutlich,
die sie auf die Einkommen der stärker betroffenen Haushalte im
Vergleich zu Haushalten ohne Einkommensverluste hatten. Die Zahlungen
aus dem Härtefallfonds und dem Familienhärteausgleich dienten gezielt
der Kompensation von Einkommensverlusten, wobei sie bedingt durch die
Einkommensgrenzen in den unteren Quintilen stärker wirkten. Die
Einmalzahlungen in der Arbeitslosenunter-stützung zielten ebenfalls
auf von der Krise besonders betroffene Haushalte. Aber auch von der
Einmalzahlung für die Familienbeihilfe profitierten von der Krise
betroffene Haushalte relativ stärker, weil Haushalte mit Kindern eher
Einkommensverluste erlitten als jene ohne Kinder (v. a. wegen
Pensionisten-Haushalten).

Ein besonderes Augenmerk kam bei den Berechnungen der
COVID-19-Kurzarbeit zu, die im Vergleich zu den Kurzarbeitsregelungen
vor der Corona-Pandemie für die Arbeitgeberseite deutlich attraktiver
ausgestaltet wurde, um stärkere Anreize zur Arbeitsplatzerhaltung zu
setzen (u.a. volle Übernahme der Sozialversicherungsbeiträge und
größere Flexibilität in der Arbeitszeitreduktion). Das dem
Arbeitnehmer zustehende Mindestentgelt im Rahmen der
COVID-19-Kurzarbeit kann in bestimmten Fällen (v. a. wenn das
Ausgangsgehalt und die geleistete Arbeitszeit relativ hoch sind)
niedriger sein als in der alten Kurzarbeitsversion vor der
COVID-19-Krise, weshalb der Effekt der veränderten Ersatzraten
teilweise sogar leicht negativ wirkt (insbesondere im 4. Quintil).
Allerdings ist der beschäftigungserhaltende Effekt der
COVID-19-Kurzarbeit für alle Haushaltseinkommensgruppen sehr hoch.
Dieser wird durch ein kontrafaktisches Szenario illustriert, in dem
die Inanspruchnahme der Kurzarbeit ohne Re-form um die Hälfte
reduziert und damit die Arbeitslosigkeit deutlich höher wäre. Die
schraf-fierten Balken zeigen, dass in diesem Fall die
durchschnittlichen Haushaltseinkommen um œ bis 1 Prozentpunkt
niedriger gewesen wären (Grafik 4a) bzw. dass die
Einkommensunterschiede zwischen von der Krise stark betroffenen und
von der Krise nicht betroffenen Haushalten um 2 œ bis 3 Prozentpunkte
größer ge-wesen wären.

Anmerkungen zu den Berechnungen:
Das Mikrosimulationsmodell FISKSIM baut auf den Daten des AT-SILC der
Jahre 2017 bis 2019 auf und beinhaltet die wichtigsten Elemente des
österreichischen Steuer- und Transfersystems. Für die Berechnung des
Corona-Schocks wur-den die Daten als Ausgangspunkt an ein
kontra-faktisches Szenario angepasst, wie es sich aus der
WIFO-Prognose vom Dezember 2019 ergeben hätte. Für das Szenario des
Corona-Schocks erfolgte eine umfassende Kalibrierung, jeweils
disaggregiert auf Wirtschaftsbereiche, an aktu-elle
Arbeitsmarktdaten, eine Auswertung des AMS zur Kurzarbeit und
Statistiken der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, der Leistungs-
und Strukturerhebung und der Umsatzsteuervoranmeldungen. Durch die
Gegenüber-stellung der beiden Szenarien ergibt sich der Effekt des
Corona-Schocks auf der Ebene des Haushaltsäquivalenzeinkommens. Das
Haushaltsäquivalenzeinkommen gewichtet das Haushaltseinkommen nach
Haushaltsgröße laut OECD-Skala, bei der der Haupteinkommensbezieher
ein Gewicht von 1 erhält, andere Haushaltsmitglieder ab 14 Jahren ein
Gewicht von 0,5 und Kinder bis 13 Jahre ein Gewicht von 0,3.

Der Rückgang der Selbstständigeneinkommen wurde nach
Wirtschaftsbereichen aus den Quartalsdaten der volkswirtschaftlichen
Gesam-trechnung hergeleitet und z. T. mittels Beschäftigungs- und
Umsatzsteuervoranmeldungsdaten weiter zerlegt. Für die Höhe der
erhaltenen Subventionen, die noch nicht im erforderlichen Detailgrad
veröffentlicht sind, wurden Daten zu Umsatzersatz und Kurzarbeit nach
Wirtschafts-bereichen verwendet.
Kurzarbeit und höhere Arbeitslosigkeit wurde einem Teil der abhängig
Beschäftigten im kontrafaktischen Szenario jeweils nach
Wirtschaftsbereichen durch Simulation zugeteilt. Die
Wahrscheinlichkeit von Arbeitslosigkeit wurde derart modelliert, dass
sie für höhere Bruttoeinkom-men niedriger war. Für die
Wahrscheinlichkeit von Kurzarbeit hat eine Auswertung der
Mikro-zensus-Arbeitskräfteerhebung im 2. Quartal 2020 jedoch keinen
Zusammenhang mit der Stellung im Beruf, und damit per Annahme mit der
Höhe der Bruttoeinkommen, ergeben.

Zur Evaluierung der Effekte der fiskalischen Maßnahmen wurden die
Transferleistungen und die Einkommensteuersenkung, wie sie in den
Grafiken 4 aufgelistet sind, implementiert. Für einige
Transferleistungen ergibt sich eine volle Inanspruchnahme, wie z. B.
bei den Einmalzahlungen im Bereich der Familienbeihilfe, der
Arbeitslosenunterstützung und dem Familienkrisenfonds. Auch für den
Familienhärtefonds wurde eine Inanspruchnahme unterstellt, so-weit
eine Berechtigung vorlag (Bezug von Arbeitslosengeld oder
Notstandshilfe nach Februar 2020 oder von Leistungen aus dem
Härtefall-fonds) und das Haushaltseinkommen innerhalb der
vorgegebenen Einkommensgrenzen lag. Daraus ergibt sich eine
simulierte Summe der Auszahlungen, die den tatsächlichen Auszahlungen
weitgehend entspricht. Anträge an den Härtefallfonds wurden auf Basis
der simulierten Einkommensverluste der Selbstständigen und dem
vorangegangenen Einkommen zugeteilt, wobei aus dem vorangegangenen
Einkommen unter Zuhilfenahme der Leistungs- und Struk-turerhebung
Annahmen zur Größe des Unternehmens abgeleitet wurden. Die Summe der
simulierten Auszahlungen beim Härtefallfonds der WKÖ erreicht die
Summe der tatsächlichen Auszahlungen jedoch nur zu etwas über 60%.
Für weitere Ausführungen siehe: Maidorn und Reiss (2021):
Treffsicherheit und Verteilungswirkung der Corona-Maßnahmen -
Kurzbericht zur Methode.

Rückfragehinweis:
Büro des Fiskalrates
+43-1-404 20-7473
office@fiskalrat.at
www.fiskalrat.at

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/16539/aom

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OTS0076 2021-04-15/10:06

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