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17.05.2021 um 20:17 Uhr

Reise rückwärts, Kommentar zur konjunkturellen Entwicklung in China
von Norbert Hellmann
Frankfurt (ots) - Chinas Industrieproduktion ist im April um fast 10 Prozent
gestiegen, die Einzelhandelsumsätze sind um knapp 18 Prozent in die Höhe
geschnellt und die Anlageinvestitionen brummen mit 20 Prozent Zuwachs vor sich
hin. Da kann man ja wohl nicht über die Dynamik der weltweit zweitgrößten
Volkswirtschaft meckern, oder? Nun, China-Ökonomen sehen das ein wenig anders.

In Zeiten der Wirtschaftserholung nach dem letztjährigen Pandemieschock darf man
sich von üppigen Wachstumsraten nicht blenden lassen. Statistische Basiseffekte
spielen einen Streich. Tatsächlich haben die jüngsten Wirtschaftsdaten allesamt
die Prognosen verfehlt - in Sachen Einzelhandelsdynamik wurde der Marktkonsens
sogar deutlich unterschritten. Chinas Binnenkonsum wächst weiterhin unter Trend.

Analysten bezeichnen die latente Schwäche an der Konsumfront als postpandemische
"neue Norm". Damit beruht die wirtschaftliche Erholung auf einem stark
ungleichgewichtigen Wachstum auf Produktions- und Konsumseite. Obwohl China als
einzige größere Volkswirtschaft gegenwärtig keinerlei Behinderungen durch
Lockdown-Maßnahmen unterliegt, hat die Pandemie das Verbrauchervertrauen dennoch
irgendwie angeknackst. Das ist sicherlich kein gutes Omen für die noch
anstehende Wirtschaftserholung in anderen großen Industrie- und
Schwellenländern.

Da der Konsum mehr als 60 Prozent der chinesischen Wirtschaft ausmacht und sich
nur zögerlich erholt, muss man davon ausgehen, dass die Wachstumsaussichten
einem gewissen Unsicherheitsfaktor unterliegen. Insgesamt jedenfalls scheint die
Dynamik etwas nachzulassen und dies wird sich schon rasch in einer Zügelung des
Wachstums des Bruttoinlandsprodukt (BIP) niederschlagen. Während man im ersten
Quartal wegen der Basiseffekte auf ein rekordhohes BIP-Wachstum von gut 18
Prozent kam, ist für das zweite Quartal nur noch mit einem Plus von 8 Prozent zu
rechnen.

Die Reise rückwärts ist bereits angetreten und Chinas Wirtschaftswachstum wird
sich zwangsläufig weiter abflachen. In der zweiten Jahreshälfte dürfte man nur
noch bei etwa 6 Prozent liegen. Damit dürfte Chinas Wirtschaft trotz noch
fühlbarer Basiseffekte bereits wieder auf ein Trendwachstum einschwenken, das
man vor Ausbruch der Pandemie erreicht hatte. Dann wird die interessante Frage
sein, ob der Konsum bis dahin aus der Delle herausfindet. Wenn nicht, wird China
im kommenden Jahr erstmals überhaupt ein Wachstum mit einer 5 oder weniger vor
dem Komma ausweisen.

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