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Online-Casinos werden legal: Steigt die Suchtgefahr?

24.06.2021 um 07:28 Uhr

BREMEN (dpa-AFX) - Für die einen erhöht er die Suchtgefahr beim Zocken, die anderen sehen ihn als Meilenstein für mehr Spielerschutz: Am 1. Juli tritt ein neuer Glücksspiel-Staatsvertrag in Kraft. Damit werden in ganz Deutschland Online-Casinos legal, verbunden mit einer zentralen Sperrdatei für abhängige Zocker, einem Einzahlungslimit von 1000 Euro monatlich sowie einer zentralen Aufsichtsbehörde. Auch bei der Werbung für Sportwetten gibt es Neuerungen - so dürfen aktive Fußballer beziehungsweise Funktionäre nicht mehr Wettanbieter anpreisen - Stars ohne aktuelles Amt wie zum Beispiel Lothar Matthäus aber schon.

Mit der Erlaubnis von Internet-Casinos folgen jetzt alle Bundesländer Schleswig-Holstein, das 2012 bereits im Alleingang diesen Weg ging. Begründung damals wie heute: An illegale Anbieter verlorene Zocker zurückzugewinnen. Glücksspiel ist aber auch ein Milliarden-Geschäft, von dem auch der Staat profitiert. Der Fiskus kassierte laut dem Jahresreport der Aufsichtsbehörden 2019 etwa 5,4 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben im erlaubten Glücksspielmarkt. An alkoholbezogene Steuern seien es im gleichen Jahr nur rund 3,1 Milliarden Euro gewesen, sagt Tobias Hayer. Der Bremer Psychologe forscht seit Jahrzehnten zur Glücksspielsucht.

"Dieser Staatsvertrag ist ein fauler Kompromiss", kritisiert Hayer. "Er bedient in erster Linie die wirtschaftlichen Interessen der Glücksspiel-Anbieter, aber nicht die Interessen des Gemeinwohls." Zwar profitiere der Start von den Steuereinnahmen, jedoch würden Spielanreize massiv erhöht. Die aggressive Vermarktung mache neugierig auf Konsumgüter, die mit Suchtgefahren verbunden sind.

Knapp eine halbe Million Menschen in Deutschland gelten als problematische oder sogar abhängige Spieler. Mögliche Folgen sind soziale Isolation, Jobverlust, sehr oft Überschuldung, manchmal auch das Abrutschen in Beschaffungskriminalität. Die Abwärtsspirale kann bis zu Suizid-Absichten gehen.

Dabei fängt es häufig harmlos an, wie Betroffene anonym im Forum Glücksspielsucht - einer Internet-Plattform - beschreiben. Da schildert ein nach eigenen Angaben 20-Jähriger, wie er vor kurzem erstmals im Online-Casino 20 Euro setzte, schnell 400 Euro gewann und bald aber auf seinem Konto 900 Euro im Minus war. "Bin kurz davor abzustürzen", schreibt der junge Mann, der nach eigenen Worten seine Ausbildung geschmissen hat.

Andere Teilnehmer berichten davon, ihre gesamten Finanzen an die Partnerin abgegeben zu haben, um nicht wieder rückfällig zu werden. Ein 53-Jähriger erzählt, dass er seit seiner Jugend abhängig sei und rund eine Million Euro verzockt habe - zuerst nur an Automaten, dann Casino, Poker, Online-Casino, zuletzt allein Sportwetten.

"Durch die Digitalisierung des Glücksspiels besteht die Möglichkeit zu spielen 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche", sagt Ilona Füchtenschnieder, Vorsitzende des Fachverbands Glücksspielsucht. "Das ist so, also ob Sie in jeder Wohnung neben dem Wasserhahn einen Whiskyhahn einbauen." Sie plädiert für einen besseren Verbraucherschutz, etwa was Kreditkarten-Zahlungen angeht.

Für die meisten Menschen ist gelegentliches Glücksspiel kein Problem. Bei gewissen psychischen Konstitutionen bestehe ein erhöhtes Risiko, eine Abhängigkeit zu entwickeln, sagt Alexander Glahn, Leiter der Abhängigenambulanz in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). So sind Fachleuten zufolge besonders Personen mit geringem Selbstwertgefühl und gesteigerter Impulsivität gefährdet. Erste Gewinnerfahrungen aktivieren das Belohnungssystem im Gehirn.

Unter den glücksspielabhängigen Patienten in der MHH haben mehr als 70 Prozent eine weitere psychische Erkrankung wie Depressionen, Alkoholsucht oder Angststörungen. "Diese Störungen können sowohl vorab bestehen als auch durch das pathologische Spielverhalten entstehen", erklärt der Oberarzt.

Etwa die Hälfte der Patienten in der Glücksspiel-Ambulanz ist abhängig vom Automatenspiel. Während der coronabedingten Schließung der Spielhallen hätten mehr als zwei Drittel von ihnen online weitergezockt, berichtet Glahn. 20 Prozent der Patienten hatten Spielbanken besucht, 10 Prozent waren süchtig nach Sportwetten. Der Psychotherapeut geht davon aus, dass die Zahl abhängiger Spieler mit Bezug zu Online-Casinos und Sportwetten steigen wird.

Bisher mussten sich exzessive Spieler, die den Absprung schaffen wollten, bei jedem einzelnen Anbieter sperren lassen. Das wird sich nun ändern. "Die übergreifende Sperrdatei ist ein Meilenstein in der Prävention", sagt Betroffenen-Vertreterin Füchtenschnieder. Wermutstropfen seien die sehr kurze Dauer der Sperre von einem Jahr und dass die Datei nicht sofort am 1. Juli greifen werde. Wenn sich ein Spieler beim zentralen System OASIS anmeldet, ist er automatisch für Spielhallen, Spielbanken, Online-Casinos sowie Sportwetten gesperrt.

OASIS ist zunächst noch in Hessen beim Regierungspräsidium Darmstadt angesiedelt. Bisher hatten sich die Länder die Aufgaben bei der Aufsicht aufgeteilt. Zukünftig soll eine zentrale Glücksspielbehörde in Halle in Sachsen-Anhalt darüber wachen, dass die Anbieter die Regeln einhalten und Spieler geschützt werden. Sie sucht derzeit Personal und wird erst am 1. Januar 2023 voll funktionstüchtig sein.

Der 2017 gegründete Deutsche Online Casinoverband (DOCV), in dem in der EU lizenzierte Unternehmen organisiert sind, begrüßt den neuen Staatsvertrag, hat aber auch Kritikpunkte. So gebe es kein bundesweites Erlaubnismodell für Roulette oder Black Jack, sondern nur wieder einen Flickenteppich von Länderregelungen.

Zudem kritisiert die Branche, die geplante Besteuerung der Spieleinsätze bei virtuellen Automatenspielen und Online-Poker in Höhe von 5,3 Prozent. Spieler würden dann wieder in den illegalen Schwarzmarkt von Anbietern aus dem außereuropäischen Ausland flüchten, die weder Maßnahmen für den Jugend- und Spielerschutz ergriffen noch Steuern zahlten. Die Unternehmen können sich ab Juli um Lizenzen für legales Online-Glücksspiel bewerben.

Die Auswirkungen des neuen Glücksspiel-Staatsvertrages auf das Spielverhalten werden sich erst in einigen Jahren zeigen. Der Bremer Forscher Tobias Hayer bedauert, dass der Sonderweg in Schleswig-Holstein nicht wissenschaftlich begleitet wurde. Dies hätte Erkenntnisse bringen können, was jetzt in ganz Deutschland bevorsteht./cst/DP/fba

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