dpa-AFX Compact

OTS: Börsen-Zeitung / Geduld!, Kommentar von Stefan Reccius zur EZB

22.07.2021 um 19:31 Uhr

Geduld!, Kommentar von Stefan Reccius zur EZB
Frankfurt (ots) - Mehr Klarheit hatten sich die Marktteilnehmer von der Sitzung
der Euro-Währungshüter versprochen: der ersten nach Abschluss der groß
angelegten Strategieüberprüfung und der letzten vor der Sommerpause. In der Tat
hatte allen voran EZB-Chefin Christine Lagarde die Erwartungen geschürt. Nun,
ein wenig mehr Klarheit gibt es: Die Europäische Zentralbank (EZB) duldet
explizit Inflationsraten jenseits ihres Ziels von neuerdings glatt 2 %, wenn sie
- wie derzeit - davon ausgeht, dass der Preisschub temporär ist. Im Ergebnis
werden die Leitzinsen noch länger im Keller bleiben. "Lower for longer" lautet
mehr denn je die Devise - auch wenn Lagarde sich mühte, diesen Eindruck zu
zerstreuen.

Ansonsten sind die Beschlüsse und Lagardes Verlautbarungen eine Antiklimax.
Geduld ist das Gebot der Stunde. Das gilt insbesondere mit Blick auf die
Anleihekaufprogramme, genauer: die Zukunft des Corona-Notfallkaufprogramms PEPP.
Erwartungen an den Märkten, der EZB-Rat könnte erste zaghafte Hinweise liefern,
wie es mit dem bis Ende März 2022 befristeten Hauptinstrument der EZB im Kampf
gegen die Folgen der Pandemie weitergeht, wurden enttäuscht. Lagarde zufolge ist
PEPP nicht einmal zur Sprache gekommen. Das ist ein Indiz, wie viel Zeit und
Aufwand allein die Überarbeitung des Zinsausblicks beanspruchte. Am Ende stand
der EZB-Rat nicht geschlossen hinter der neuen "Forward Guidance", die noch
einmal eine deutlich expansivere Note bekommen hat - und die Kontroversen werden
sich potenzieren, wenn es im September um die Zukunft der Anleihekäufe geht.

Die Währungshüter werden dann auf der Grundlage frischer Projektionen zur
Entwicklung von Konjunktur und Inflation diskutieren. Das lädt die kommende
Sitzung mit besonderer Brisanz auf. Denn die Signale, dass der Inflationsschub
stärker und anhaltender als erwartet sein könnte, nehmen zu. Bislang erwarten
die Volkswirte der EZB, dass die Inflation bis 2023 auf 1,4 % zurückgehen wird.
Mit dem neuen Zinsausblick lenkt die EZB den Blick mehr denn je auf das Ende
ihres Projektionshorizonts. Das rechtfertigt einstweilen ihre stoische Haltung.

Doch die Kritik an diesem Kurs wird zunehmen, der Rechtfertigungszwang wird
stärker. Für Lagarde brechen die entscheidenden Monate ihrer Präsidentschaft an:
Schafft sie es, den Kampf ihrer Kollegen um Deutungshoheit in Bezug auf die neue
Strategie zu befrieden? Oder wird sie letztlich im Stile Mario Draghis doch ihre
Vorstellungen von einer expansiven Geldpolitik gegen Widerstände durchdrücken?
Nicht die Geduld verlieren: Das gilt auch für Lagarde persönlich.

Pressekontakt:

Börsen-Zeitung
Redaktion

Telefon: 069-2732-0
www.boersen-zeitung.de

Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/30377/4975957
OTS: Börsen-Zeitung

Hinweis: Die veröffentlichten Tradingsignale und Empfehlungen dienen lediglich der allgemeinen Information, sie sind keine Beratung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes und stellen kein Angebot und keine Aufforderung zum Kauf, Halten oder Verkauf von Wertpapieren oder Derivaten dar. Sie entsprechen lediglich der aktuellen Einschätzung des verwendeten Handelssystems.
TraderFox GmbH: Impressum & Datenschutz - Allgemeine Geschäftsbedingungen - Cookie-Erklärung