Reuters

"Covid kills Cash" - Läutet Corona das Ende des Bargelds ein?

13.07.2020 um 07:52 Uhr

Zürich/Berlin (Reuters) - Die Zukunft des Zahlens verbirgt sich in einem großen roten Container.

Ein Student betritt das mitten auf dem Campus der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) hoch über Zürich gelegene 24-Stunden-Geschäft und steuert an den Früchten vorbei direkt auf den Kaffeeautomaten zu. Mit dem heißen Pappbecher in der Hand verlässt er den Laden des Einzelhändlers Valora wieder, ohne an der Kasse vorbei zu gehen. Denn in der sogenannten "avec box" gibt es gar keine Kasse; der Zutritt, das Scannen der Ware und die Bezahlung laufen über eine Handy-App.

Automatisiert, unsichtbar und bargeldlos - was sich nach Science Fiction anhört, könnte in den nächsten Jahren zunehmend zur Einkaufs-Realität werden. "Zahlungen über den digitalen Kanal und das Mobiltelefon werden die großen Gewinner sein", sagt Martin Büchel vom Berater AlixPartners. Während diese Trends schon vorher bestanden, dürfte die Coronakrise zu einer Beschleunigung der Entwicklung führen, an deren Ende die Abschaffung des Bargeldes stehen könnte. "Bargeld wird weiter an Relevanz verlieren", meint auch Solarisbank-Chef Roland Folz. Bisher ist ein großer Teil der Bargeld-Zahlungen auf Kredit- und Debitkarten abgewandert. Doch auch sie könnten durch digitale Geldbörsen verdrängt werden. Einzelne Experten sehen schon den "Tod der Plastikkarte" nahen.

Eigentlich hängen die Deutschen und die Schweizer an ihren Scheinen und Münzen. In beiden Ländern ist ihr Anteil an allen Zahlungsmitteln im internationalen Vergleich besonders hoch. 2018 wurden in Deutschland drei Viertel aller Einkäufe von Privatpersonen bar beglichen. Doch selbst dort geht die Cash-Verwendung um jährlich drei Prozent zurück.

Und dann kam Corona und mit der Pandemie auch schärfere Hygiene-Vorschriften und mehr Käufe im Internet. Bei den vom Schweizer SIX-Konzern betriebenen Geldautomaten seien die Transaktionen auf dem Höhepunkt der Krise um rund 50 Prozent eingebrochen, sagt Präsident Thomas Wellauer. "Die Bezahl-App Twint hat durch die Krise dagegen einen gewaltigen Schub bekommen." Und bei der deutschen Handy-Bank N26 hoben die Kunden während des Lock-Downs deutlich weniger Bargeld ab und gaben ihr Geld eher bei Online-Einkäufen aus, erklärt Manager Georg Hauer. Bei den über 50-jährigen sei dieser Schwenk besonders ausgeprägt ausgefallen. So hätten die 60- bis 64-jährigen online über 20 Prozent mehr Geld ausgegeben. Nach den Lockerungen seien die Ausgaben sogar nochmal leicht gestiegen. "Aus unserer Sicht ist das ein klares Zeichen dafür, dass durch die Krise viele Menschen digitale Angebote ausprobiert haben und auch nach der Krise weiter nutzen werden."

MIT EINEM LÄCHELN BEZAHLEN

Neue Bezahlmethoden und Umwälzungen im Verbraucherverhalten dürften der Bargeld-Nutzung also zusetzen. Für das laufende Jahr rechnen die Berater von Accenture EU-weit mit einem Minus von rund 30 Prozent, in Deutschland von bis zu 37 Prozent. "Barzahlungen werden in den kommenden Jahren weiter zurückgehen, wenn auch nicht in der Geschwindigkeit von 2020", erklärt Martin Bentele. Bargeld werde in den nächsten Jahren zwar nicht völlig verschwinden. Der Accenture-Experte prognostiziert aber: "Sehr langfristig wird der Cash-Anteil nahe an Null gehen."

Vorreiter dieses Trends ist Schweden, wo inzwischen nur noch drei Prozent der Transaktionen in bar abgewickelt werden, wie aus einer Studie des europäischen Payment-Verbandes EPA EU hervorgeht. In Ländern wie Deutschland und der Schweiz gibt es mehr Widerstand; viele Menschen wehren sich gegen den mit dem digitalen Bezahlen einhergehenden Verlust der Privatsphäre und schätzen die Kontrolle, die Bargeld erlaubt. In Schweden tüftelt die Notenbank denn auch an einer digitalen Krone, um nicht zu stark von privaten Zahlungssystemen abhängig zu sein.

Der Schweizer Finanzinfrastuktur-Betreiber SIX macht sich Sorgen, dass Kreditkartenfirmen wie Visa oder Mastercard, aber auch Technologiekonzerne wie Apple oder Alibaba den Zahlungsverkehr an sich reißen könnten. Für die Banken und ihre Kunden wäre das ein Verlust, denn Zahlungen seien ein zentrales Element des Finanzwesens, sagt Präsident Wellauer. "Und das sollte man nicht aus der Hand geben."

Doch auch die Kreditkartenkonzerne können sich nicht zurücklehnen. Um im Rennen zu bleiben, haben sie mit Anbietern von digitalen Geldbörsen wie Apple Pay, Google Pay oder Samsung Pay Allianzen geschmiedet. Denn sie sind selbst bedroht. "Smartphones machen Plastikkarten obsolet", heißt es in einer Studie der Deutschen Bank vom Januar. Die meisten der vom Institut befragten europäischen Kunden seien der Meinung, dass die digitalen Geldbörsen von Apple und Co herkömmliche Geldbörsen innerhalb von fünf Jahren ablösen könnten.

Wohin die Reise geht, zeigt das Beispiel China. In dem Land läuft fast die Hälfte der Zahlungen in Ladengeschäften über die digitalen Geldbörsen. Die Dienste von WeChat oder Alipay umgehen die traditionellen Zahlungssysteme der Banken und haben die Karteneinnahmen der chinesischen Geldhäuser erodieren lassen. Auch bei der Benutzerfreundlichkeit gehen die Chinesen neue Wege. Wer ein Bild von sich selbst mit einem Konto verknüpft, kann dank Gesichtserkennung im Geschäft bezahlen, indem er sich vor eine Maschine stellt und in die Kamera blickt. Für "Smile-to-pay" ist nicht mal mehr ein Mobiltelefon nötig.

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