Reuters

Finanz- und Bilanzexperten kritisieren Wirecard-Reformpläne

12.03.2021
um 16:37 Uhr

- von Reinhard Becker und Alexander Hübner

Berlin (Reuters) - Die Bundesregierung droht mit der verschärfte Regulierung der Wirtschaftsprüfer nach Ansicht von Branchen- und Finanzmarkt-Experten über das Ziel hinauszuschießen.

Der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC, einem der vier Großen in der Branche, ist vor allem die geplante unbegrenzte Haftung der Bilanzexperten bei grobe Fahrlässigkeit ein Dorn im Auge. "Das wird dazu führen, dass man schwerlich Prüfer mehr finden wird, die ein Unternehmen in einer schwierigen Lage betreuen werden", sagte der Sprecher der PwC-Geschäftsführung Deutschland, Ulrich Störk, der Nachrichtenagentur Reuters. "Bei einer Pleitewelle, die da möglicherweise auf uns zukommt, stellt sich doch die Frage, warum man sich als Prüfer ins Feuer stellen sollte." Bisher müssen Wirtschaftsprüfer für fahrlässig verursachte Fehler bei börsennotierten Firmen mit maximal vier Millionen Euro haften.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) will mit dem Finanzmarktintegritätsstärkungsgesetz (FISG) verhindern, dass sich Skandale wie beim Zahlungsdienstleister Wirecard wiederholen können. Dort waren dem Wirtschaftsprüfer EY über Jahre milliardenschwere Bilanzlöcher entgangen. Einige Regeln gehen dem Koalitionspartner CDU allerdings zu weit. Am Montag ist das FISG Thema einer Anhörung im Finanzausschuss des Bundestages.

Auch das Deutsche Aktieninstitut (DAI), das kapitalmarktnahe Unternehmen und Institutionen vertritt, fürchtet angesichts der strengeren Regeln, dass Bilanzprüfer für Großkonzerne knapp werden könnten. "Im Extremfall ist dann nicht auszuschließen, dass große Unternehmen keinen geeigneten Wirtschaftsprüfer mehr finden", warnte DAI-Vorständin Christine Bortenlänger am Freitag in Frankfurt. Dem Gesetzentwurf zufolge sollen Unternehmen ihren Bilanzprüfer nach zehn Jahren wechseln. Zudem soll dieser nicht gleichzeitig in Steuer- und Bewertungsfragen beraten dürfen. Das werde zu einer noch größeren Konzentration auf dem Markt führen, in dem Großkonzerne fast ausschließlich von den vier Branchenriesen PwC, KPMG, EY und Deloitte geprüft werden, sagt Bortenlänger voraus. "Wir müssen aufpassen, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten." Derartige Folgen des Gesetzes seien nicht ausreichend bedacht worden.

Die Aktionärsvereinigung DSW will kleinere Wirtschaftsprüfer stärker einbinden, um die Auswahl zu vergrößern. "Sollte einer der Big Four über einen Skandal stolpern, würden nur noch drei große Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zur Verfügung stehen", sagte DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler. Kleineren fehlten aber die Strukturen und die internationale Vernetzung, um weltweit agierende Konzerne prüfen zu können. Ihnen könnten sogenannte "Joint Audits" helfen, bei denen zwei Wirtschaftsprüfungsfirmen gemeinsam den Bilanzcheck übernehmen, erklärte die DSW. PwC-Chef Störk ist skeptisch: Das führe nicht zu mehr Qualität, sondern zu mehr Komplexität und teureren Prüfungen: "Das bringt keinen echten Mehrwert."

Auch eine verschärfte Haftung würde nach Störks Ansicht die kleineren und mittelgroßen Prüforganisationen eher abschrecken. Denn damit wären höhere Versicherungsprämien verbunden. "Das heißt, da wird man eher einen gegenteiligen Effekt haben. Da wird es eher zu einer weiteren Konzentration als zu einem breiteren Prüferbild führen." Auch für die Nachwuchsgewinnung wäre die unbegrenzte Haftung negativ, sagte er. Darunter litte die Attraktivität des Berufsstands.

Wirecard AG

WKN 747206 ISIN DE0007472060