Reuters

Lufthansa-Chef entschuldigt sich bei Passagieren für Flugchaos

28.06.2022 um 12:37 Uhr

Berlin (Reuters) - Warteschlangen, Verspätungen und Flugstreichungen: Lufthansa-Chef Carsten Spohr stimmt die Passagiere auf Flugchaos im Sommer ein.

Nach dem Hochfahren des Luftverkehrs nach der Corona-Pandemie von fast Null auf knapp 90 Prozent könne die Branche nicht die gewohnte Verlässlichkeit, Robustheit und Pünktlichkeit liefern, schrieb Spohr in einem offenen Brief des Konzernvorstands an die Kunden. "Wir können uns dafür bei Ihnen nur entschuldigen und wollen dabei auch ganz ehrlich sein: In den nächsten Wochen mit weiter steigenden Passagierzahlen, ob Urlaub oder Geschäftsreisen, wird sich die Situation kurzfristig kaum verbessern." Es fehlten nicht nur bei der Lufthansa, sondern in der gesamten Branche noch zu viele Mitarbeiter.

"Allein in Europa sind mehrere Tausende Neueinstellungen geplant", betonte der Manager. Dieser Kapazitätsaufbau werde die Lage allerdings erst im kommenden Winter stabilisieren. Im Sommer 2023 dürfte die Situation in der globalen Luftfahrt dann deutlich verlässlicher sein, erklärte die Konzernspitze. In einem Brief an die Belegschaft räumte Spohr ein, die Lufthansa habe bei der Rettung des Unternehmens in den vergangenen zwei Jahren auch Fehler gemacht. "Haben wir es unter dem Druck der mehr als zehn Milliarden Euro Pandemie-bedingten Verluste mit dem Sparen an der ein oder anderen Stelle übertrieben? Sicher auch das." Spohr betonte zudem die Ausnahmesituation: "Ganz offen gesagt: Es war auch für unsere Führungsmannschaft und mich persönlich die erste zu bewältigende Pandemie."

Die ohnehin bestehenden Personalengpässe bei den Fluggesellschaften und Flughäfen werden durch die hohen Corona-Neuinfektionen derzeit noch verschärft. Europaweit streichen Airlines Flüge, um das überforderte System zu entlasten. Allein die Lufthansa nimmt über die 900 Streichungen im Juli hinaus weitere 2200 Verbindungen im Sommer an den Drehkreuzen Frankfurt und München aus dem Flugplan. Dies soll vor allem innerdeutsche und europäische Flüge betreffen, nicht aber die zur Ferienzeit gut ausgelasteten klassischen Urlaubsziele.

SCHNELL BUCHEN - MIETWAGEN SONST TEUER ODER AUSVERKAUFT

Trotz Flugchaos hofft der Touristik-Riese TUI auf eine Feriensaison nahe des Vorkrisenniveaus. Derzeit liege die Nachfrage durchgängig über dem Stand von 2019, hieß es. "Wir holen rasant auf und sind mehr als zuversichtlich, dass wir in diesem Jahr ein Sommergeschäft sehen, das an 2019 herankommt", sagte TUI Deutschland-Chef Stefan Baumert. Der Hannoveraner Konzern setzt darauf, dass die meisten TUI-Urlauber um das Flugchaos an deutschen und europäischen Airports herumkommen. "Trotz aller Herausforderungen aufgrund von Personalengpässen in der Branche werden die Ferien für die überwiegende Mehrheit reibungslos verlaufen." Der Flugplan der eigenen TUI fly-Maschinen bleibe ebenso bestehen wie die Planungen für zusätzliche Reserveflugzeuge zu Spitzenzeiten.

Airlines, Flughäfen und Bodendienstleister setzen darauf, dass rund 2000 Hilfskräfte aus dem Ausland befristet für rund drei Monate die gröbste Not beim Personalmangel rund um Gepäckabfertigung, Check-in und Sicherheitskontrollen abmildern können. Allerdings dürften die meisten wohl frühestens im August zum Einsatz kommen - und damit für das Feriengeschäft an vielen Flughäfen schon zu spät, sagte Thomas Richter, der Chef des Arbeitgeberverbands der Bodenabfertigungsdienstleister im Luftverkehr (ABL), jüngst im Reuters-Interview. "Es löst nicht das Problem, aber es hilft mit Sicherheit."

Gefragt sind bei TUI vor allem Ziele rund ums Mittelmeer - allen voran Mallorca gefolgt von der Türkei. Der Konzern appellierte an Urlauber, mit der Reise auch gleich einen Mietwagen zu buchen, da Flottenengpässe zu hohen Preisen führen dürften. Wer sich erst am Urlaubsort entscheide, "könnte leer ausgehen". Die hohe Inflation schlage noch nicht voll auf Pauschalreisen durch. Es gebe noch Pakete, deren Preise 2021 ausverhandelt worden seien. Wenn diese Kontingente aber bald ausgeschöpft seien, werde tagesaktuell abgerechnet. Zudem sei Last-Minute nicht mehr so günstig wie vor der Pandemie – "höhere Preise von bis zu zehn Prozent werden keine Seltenheit sein".

(Bericht von Klaus Lauer und Anneli Palmen; redigiert von Ralf Banser - Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

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