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Börse Frankfurt-News: "M&A in Zeiten von Corona"

03.06.2020 um 09:29 Uhr

FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - 2. Juni 2020. FRANKFURT (pfp Advisory). Wie im allgemeinen Wirtschaftsleben
haben die Eindämmungsmaßnahmen auch vieles im Bereich Übernahmen und Fusionen,
dem M&A-Markt, eingefroren. Laut Daten von Refinitiv fiel das Volumen bei
Mergers und Acquisitions weltweit im ersten Quartal gegenüber dem
Vorjahresquartal um 28 Prozent - und in diesem Auftaktquartal war die
Weltwirtschaft ja nur phasenweise von Corona überhaupt betroffen. Isoliert für
den Monat März sehen die Zahlen noch düsterer aus. War im europäischen m&A-
Geschäft im Februar laut Refinitiv sogar noch ein 20-Monats-Hoch erreicht
worden, sackte das Transaktionsvolumen im März um 35 Prozent gegenüber dem
Vormonat ab.

Für den April und Mai liegen noch keine belastbaren Daten vor. Meine eigenen
Eindrücke aus den Gesprächen mit Unternehmensvorständen lassen mich aber
vermuten, dass es noch eine ganze Weile haken wird. Ein durchaus
übernahmefreudiger CEO eines deutschen IT-Unternehmens kündigte an, dass er in
den kommenden Monaten sicherlich keine neuen Deals anpacken werde. Solange er
die wichtigsten Personen eines Zielunternehmens nicht persönlich treffen und
mit ihnen nicht von Angesicht zu Angesicht verhandeln könne, werde er
"definitiv nichts" übernehmen. "Virtuelles M&A", womöglich auch noch aus dem
Home-Office heraus, sei in der Praxis nicht durchführbar, zumindest nicht bei
neuen "Targets".

Aber auch allgemein verlieren M&A-Aktivitäten in Krisenzeiten für viele
Aktiengesellschaften an Bedeutung. Schließlich haben die Firmen im Moment
andere Sorgen. Wer seine tägliche Liquidität nur mit Mühe sicherstellen kann,
wird schwerlich Gedanken an Übernahmen verschwenden. Und manche Banken, die
derartige Akquisitionen in normalen Zeiten gerne finanzieren würden, sind
momentan gut damit ausgelastet, sich selbst wetterfest zu machen.

Natürlich können Krisenphasen für finanziell gesunde Unternehmen auch große
Chancen eröffnen. In jeder Krise wird die Schlagzahl der Schumperter?schen
Zerstörung kräftig erhöht und branchenweit ordentlich konsolidiert. So manches
attraktive Unternehmen wird plötzlich auf dem Wühltisch feilgeboten. Wohl dem,
der mit viel Cash an der Seitenlinie steht und sich aussuchen kann, welche der
kriselnden Konkurrenten er aufkauft. Quasi über Nacht wurde der M&A-Markt zum
Käufermarkt, nachdem dort jahrelang die Verkäufer das Sagen hatten.

"So manches attraktive Unternehmen wird plötzlich auf dem Wühltisch
feilgeboten."

Das gilt übrigens auch für vermeintlich bereits eingetütete Deals. So manche
Käufer könnten die aktuelle Krisensituation nutzen und beim Kaufpreis
nachverhandeln wollen. Das muss noch nicht einmal ungerechtfertigt sein, hat
doch die Corona-Krise den Wert etlicher Zielunternehmens deutlich reduziert.
Hat die Verkäuferseite zu knapp kalkuliert und den ursprünglichen Kaufpreis und
die erwarteten Cashflows bereits fest eingeplant, kann es schnell gefährlich
werden.

Die Neujustierungen in der Krise könnten sicher geglaubte Deals sogar zum
Platzen bringen. Erst recht, wenn die Finanzierung aggressiv aufgesetzt war und
nach Corona plötzlich wackelt. Nicht immer helfen Bankgarantien oder
Versicherungen, wenn Käufer Schwierigkeiten bekommen. War der Deal "nur"
unterzeichnet, aber noch nicht tatsächlich vollzogen (neudeutsch: es lag nur
ein Signing vor, aber kein Closing), können die Parteien in der Regel von einem
Rücktrittsrecht Gebrauch machen. Und das dürften sie in diesen bewegten Zeiten
vermutlich häufiger nutzen als in normalen.

Solange die Corona-Krise persönliche Kontakte also deutlich erschwert, wird
sich der M&A-Markt m. E. nur mit Mühe berappeln. Dafür spricht auch, dass nach
den vorherigen beiden Krisen 2000-2002 (New-Economy-Bubble) und 2007-2009
(Finanzkrise) die M&A-Volumina spürbar schrumpften. Gemäß IMAA analysis dauerte
es nach dem Gipfel 2000 sieben Jahre, bis das frühere Rekordvolumen wieder
erreicht war. Das Peak von 2007 wurde bis heute nicht übertroffen. Deshalb
glaube ich im Gegensatz zu zahlreichen M&A-Experten nicht, dass sich die
Volumina schnell auf alte Niveaus erholen. So mancher verpasste oder vertagte
Deal dürfte nach Corona nicht nachgeholt werden.

von Christoph Frank, 2. Juni 2020, © pfp Advisory

Christoph Frank ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH.
Gemeinsam mit seinem Partner Roger Peeters steuert der seit über 20 Jahren am
deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DWS Concept Platow (WKN DWSK62), einen
2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds. Weitere
Infos unter www.pfp-advisory.de. Frank schreibt regelmäßig für die Börse
Frankfurt.

(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)

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