Reuters

Sorge nach Beschuss von ukrainischem AKW

08.08.2022
um 14:32 Uhr

(Weitgehend neu)

- von Natalia Zinets und Max Hunder

Kiew (Reuters) - Angesichts der weiter angespannten Lage im Atomkraftwerk Saporischschja im Osten der Ukraine wächst die Sorge vor einem Super-GAU ähnlich wie in Tschernobyl 1986.

"Jeglicher Angriff auf ein nukleares Kraftwerk ist eine selbsmörderische Sache", sagte UN-Generalsekretär Antonio Guterres am Montag bei einem Besuch in Japan. Guterres forderte einen internationalen Zugang zu dem Gelände. Russland und die Ukraine machen sich gegenseitig für den Beschuss des größten AKWs Europas verantwortlich. Die Regierung in Kiew forderte, das Gebiet um den Meiler zu einer entmilitarisierten Zone zu machen.

Auch der Chef des staatlichen ukrainischen Nuklear-Konzerns Energoatom, Petro Kotin, forderte Friedenstruppen in dem Kraftwerk zu stationieren. Russische Truppen haben das Kraftwerk seit Anfang März besetzt, es wird aber noch von ukrainischen Technikern betrieben. Kotin forderte im ukrainischen Fernsehen, dass die Weltgemeinschaft dafür sorgen müsse, die Besatzer zu vertreiben und eine entmilitarisierte Zone zu errichten, die von Friedenstruppen überwacht werde. Nach russischen Angaben verlief der Betrieb des mehrfach beschossenen Atomkraftwerks am Montag normal. Militär und Vertreter der russischen Atomaufsicht seien vor Ort und beobachteten die Lage, zitierte die Nachrichtenagentur Interfax den von Russland eingesetzten Leiter der lokalen Provinzverwaltung.

Russland wirft der Ukraine vor, das Atomkraftwerk am Sonntag beschossen zu haben. Dabei seien Starkstromleitungen beschädigt worden, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Deshalb habe die Produktion der Anlage gedrosselt werden müssen. Der Kreml forderte den Westen am Montag auf, die ukrainische Regierung dazu zu bewegen, den Beschuss zu beenden. Die Ukraine weist die Darstellung zurück, das AKW ins Visier zu nehmen. Vielmehr hatten die ukrainischen Behörden am Sonntag erklärt, bei russischem Beschuss des Kraftwerks am Samstagabend sei ein Arbeiter verletzt worden. Die Angaben aus dem Kriegsgebiet können unabhängig nicht überprüft werden.

Der Sprecher des russischen Präsidialamts, Dmitry Peskow, sagte, der Beschuss sei "extrem gefährlich". Der ukrainische Vertreter Kotin warnte davor, dass bei dem Beschuss von Behältern mit Atommüll Radioaktivität austreten könne. "Es wäre unmöglich, das Ausmaß einer solchen Katastrophe vorherzusagen." Auch der Chef der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA), Rafael Grossi, warnte vor dem Risiko einer atomaren Katastrophe.

UKRAINE ERHÄLT ERSTE "GEPARDEN" AUS DEUTSCHLAND

Die von Russland in Saporischschja eingesetzten Verwaltungsbehörde unternahm einem Medienbericht zufolge unterdessen weitere Schritte für eine Volksabstimmung über einen Anschluss an Russland. Der Verwaltungschef der Region habe ein Dekret für eine solches Referendum unterzeichnet, meldete die Nachrichtenagentur Ria Nowosti. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte Russland mit einem endgültigen Abbruch von Gesprächen gedroht, wenn die Regierung in Moskau eine Annexion weiterer ukrainischer Gebiete vorantreibe. Russland hatte bereits 2014 die Krim annektiert und sich dabei auf ein international nicht anerkanntes Referendum berufen.

Die Ukraine hat angekündigt, eine Gegenoffensive im Süden des Landes zu starten. Schwerpunkt dabei soll offenbar die von russischen Truppen besetzte Stadt Cherson südwestlich von Saporischschja sein. Im Kriegsgeschehen schossen die russischen Streitkräfte nach eigenen Angaben im Süden und Osten der Ukraine 19 in den USA hergestellte Raketen ab, die vom Mehrfachraketenwerfer-System Himars abgefeuert worden seien. Zudem seien in der Nähe des ostukrainischen Kramatorsk mehrere Himars-Fahrzeuge zerstört worden, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Die Ukraine hat nach eigenen Angaben die ersten drei "Gepard"-Flugabwehrpanzer aus Deutschland erhalten. Sie würden zum Einsatz kommen, um wichtige Infrastruktur-Einrichtungen zu verteidigen, teilte das südliche Militärkommando mit. Das Waffensystem wird von einem dreiköpfigen Team bedient und kann Ziele in einer Entfernung von bis zu vier Kilometern erreichen.

(Reuters-Büros; Bearbeitet von Alexander Ratz; Redigiert von Hans Seidenstücker; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)