Reuters

Ex-AR-Chef vergleicht Vorgänge bei Wirecard mit "Spionagethriller"

04.10.2023
um 11:42 Uhr

München (Reuters) - Der letzte Wirecard-Aufsichtsratschef ist nach seinem Amtsantritt von den Zuständen bei dem Zahlungsdienstleister überrascht worden.

"Wer ist schon davon ausgegangen, sich in einer Art Spionagethriller wiederzufinden, wenn er im Aufsichtsrat eines Dax-Unternehmens sitzt", sagte der frühere Aufsichtsratsvorsitzende Thomas Eichelmann am Mittwoch als Zeuge im Wirecard-Betrugsprozess vor dem Landgericht München. Der frühere Finanzchef der Deutschen Börse gehörte dem Kontrollgremium in den letzten zwölf Monaten vor der Pleite des Münchner Unternehmens im Jahr 2020 an.

Eichelmann berichtete von mitunter chaotischen Abläufen in den höchsten Gremien. So habe der Vorstand einmal eine Firmenübernahme ohne detaillierte Unterlagen vom Aufsichtsrat absegnen lassen wollen. "Das war wie bei einem Shoppingkanal", sagte Eichelmann. "Wenn ich jetzt nicht zuschlage, dann gibt's keine Waschmaschine mehr zu dem Preis." Er habe Entscheidungen auf dieser Grundlage abgelehnt. Ebenso habe er nach seinem Amtsantritt unterbinden wollen, dass Finanzberichte "erst fünf Minuten vor Redaktionsschluss" zur Billigung beim Aufsichsrat eingereicht würden.

Eichelmann war im Juni 2019 in das Kontrollgremium eingezogen und hatte dessen Vorsitz im Januar 2020 übernommen. Im Juni 2020 brach Wirecard zusammen, als sich herausstellte, dass in der Kasse 1,9 Milliarden Euro fehlten. Die Pleite ist einer der größten Finanzskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte. In dem Prozess sind der frühere Vorstandschef Markus Braun und zwei weitere Ex-Manager wegen Betrugs, Bilanzfälschung und Marktmanipulation angeklagt. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft waren die fehlenden Milliarden schlichtweg erfunden. Braun hat hingegen erklärt, das Geld sei hinter seinem Rücken beiseitegeschafft worden.

(Bericht von Jörn Poltz, redigiert von Myria Mildenberger. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

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